3. Bunker 9

 

Es ist urkundlich festgehalten, dass mein Urgroßvater, Andreas Schäfer,  im Jahr 1903 die Gaststätte und das Kolonialwarengeschäft in der Finkengasse ( jetzt Odinstrasse ) von der Familie Bühren übernommen hat. 

 

Gebürtig aus Flamersheim, war er als Verwalter auf einem Hof oder Gut in Köln-Ossendorf tätig gewesen. Eine seiner Schwestern hatte in die Gastwirtsfamilie Bühren eingeheiratet. Als diese die Geschäfte aufgeben wollte griff mein Urgroßvater zu. Und seitdem ist die Gaststätte im Besitz der Familie Schäfer.

 

Als mein Urgroßvater sich zur Ruhe setzte übernahm sein Sohn, Schäfersch Lang, die Gastwirtschaft. Dann kam die Zeit des 2. Weltkrieges, und wie so viele wurde auch mein Großvater eingezogen. Als er an einer Lungenembolie starb führte meine Oma die Geschäfte weiter, denn sie hatte drei kleine Kinder durchzubringen. Unter diesen Umständen war klar, dass mein Vater, als Ältester der drei Geschwister schon früh mit eingespannt wurde. Man kann also sagen, dass er von Kindesbeinen an in dem Metier tätig war.  Er entwickelte bereits im Kindesalter kaufmännische Fähigkeiten, indem er mit den amerikanischen Soldaten „maggelte“, und so manche Zigarette (damals so gut wie Bargeld) einheimste.

 

Während des ganzen Krieges blieb die Kneipe geöffnet, wenn auch oft unter schwierigsten Umständen. Sie war in Odendorf und Umgebung als „Bunker 9“ bekannt. Da es an allen Ecken und Enden fehlte, besonders auch an Heizmaterial, wurde der Schankraum nur am Wochenende geöffnet. Unter der Woche traf man sich im Wohnzimmer und trank das erste alkoholfreie Bier der Geschichte. Die Wirtschaft wurde nach dem Einzug der Amerikaner von diesen misstrauisch beobachtet, da sich dort die Einheimischen versammelten und man wusste ja nie, was dann ausgeheckt wurde. Eines Tages kamen zwei GI’s und verlangten von meinem Vater die Herausgabe eines versteckten Gewehrs. Irgendjemand musste ihnen einen Tipp gegeben haben, denn mein Vater hatte es unter den Holzdielen der Kegelbahn versteckt. Er wurde mit zur Kommandantur genommen und verhört. Sie unterstellten ihm ein „Werwolf“ zu sein, also ein Mitglied einer Untergrundbewegung. Zum Glück hatte mein Vater, der ja noch ein Kind war, noch nie etwas von dieser Organisation gehört, und konnte dies glaubhaft beteuern. Er wurde viele Stunden lang verhört und als er endlich wieder nach Hause durfte, saß dort die ganze Familie versammelt. Sie hatten Kerzen angezündet und beteten für ihn. 

 

Meine Oma führte die Wirtschaft bis in die sechziger Jahre. Sie übergab sie dann an meinen Vater, half aber lange immer noch mit aus. Sie konnte sich genauso schwer zurückziehen wie es heute mein Vater kann. Meine Eltern übernahmen die Gaststätte und das Lebensmittelgeschäft, aber bald stellte sich heraus, dass beides zusammen auf Dauer  zu anstrengend  war. Sie beschlossen also die Gaststätte zu vergrößern und dafür das Lebensmittelgeschäft aufzugeben. 

 

Der Schankraum war bis dahin winzig klein gewesen. Er war schmal und lang. Es gab eine Theke und nur 6 oder 7 Tische. In der Mitte des Raumes stand ein Ofen. Ich kann mich erinnern, dass es ein Ölofen war, aber vorher wird es wohl ein Kohleofen gewesen sein. Das Ofenrohr verlief quer unter der Decke und es passierte auch schon mal, dass es mit Getöse herunterkam. Wer dann gerade das Pech hatte an dem Tisch darunter zu sitzen wurde ein bisschen schwarz. Aber das wurde zur damaligen Zeit mit Humor genommen. 

An der hinteren Wand waren ein Ausgang zum Hof und zwei Sprossenfenster. In dem einen Fenster konnte man eine Sprosse öffnen. Unser lustiger holländischer Nachbar,  fand eines Tages heraus, dass diese Öffnung sich hervorragend zum Theaterspielen eignete. Er steckte seinen dicken Kopf durch eine  Sprosse ( der Kopf passte übrigens millimetergenau durch ) und rief mit seinem holländischen Akzent : „Ischh benn mich dat Rotkäppcher!“

 

Ich erinnere mich auch, dass an der hinteren Wand unter dem Fenster ein altes Klavier stand. Später, als das Fernsehen in Odendorf Einzug hielt stand das Gerät auf dem Klavier. Es war eines der ersten TV-Geräte in Odendorf. Am Wochenende, wenn ein „Quiiiz“ ( Aussprache von Frau Giesgen ) oder ein „Stück“ ( gemeint war ein Theaterstück – Frau Kalenborn)  lief, drängte sich halb Odendorf vor der Flimmerkiste. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater sich beim Weltrekord von Armin Hary ( ich glaube es war während einer Olympiade) so von der allgemeinen Begeisterung mitreißen ließ, dass er jubelnd hochsprang und dabei die Lampe von der Decke haute. 

 

Das war bei weitem nicht das einzige Stück das in der Kneipe kaputt ging. Die Theke war alt und genau so brüchig, wie der Holzfußboden. An einem Ende war sie mit Ziegelsteinen unterlegt, weil sie fast zusammengebrochen war als Peter Zimmermann sie Karneval „ersteigen“ wollte. Mehrmals brachen Leute, die an der Theke standen durch die Holzdielen oder saßen plötzlich auf ihren Stühlen ein Stück tiefer. Trotzdem fühlten sich alle wohl in der Kneipe und waren wie eine große Familie.

 

Als es nicht mehr zu umgehen war, dass die Kneipe renoviert werden musste, beschlossen meine Eltern, sich nur noch auf die Wirtschaft zu konzentrieren und bauten eine neue Gaststätte. Dafür gaben sie das Lebensmittelgeschäft auf. 

 

Im Sommer 1969 wurde die neue Kneipe eröffnet. Es hat sich seither einiges geändert. Odendorf hat sehr viele Neubürger bekommen, durch die UNIBAU-Siedlungen, in Odendorf unter dem Namen „Känguruh-Viertel“ bekannt (gruuße Schpröng un nix em Böggel) . Viele dieser Leute sind bis heute nicht in das Dorf integriert, aber einige gehören doch dazu, und dazu hat die Kneipe einen nicht geringen Beitrag geleistet. Wo bekommt man wohl schneller Kontakt als an der Theke!

 

Die Odendorfer Kabarettgruppe „Die Orbachstichlinge“ prägte in ihrem letztjährigen Programm einen , wie ich finde, sehr passenden Namen für Bübs Kneipe – 

 

das Odendorfer Kommunikationszentrum.