36. Willi

 

Auf der Odinstrasse lebte damals ein großer, hässlicher Straßenkater. Obwohl er niemandem gehörte war er ganz schön verwöhnt, denn wenn er Hunger hatte setzte er sich einfach vor die Metzgerei und wartete darauf, dass ihm jemand etwas Leckeres abgab. Zu guter Letzt akzeptierte er nur noch Fleischwurst und gekochten Schinken. Als der Winter nahte konnte meine Mutter, als bekennende Tierschützerin, es nicht mit ansehen, wie er sich in den Hausecken und Kellerlöchern herumdrückte, um ein bisschen Wärme abzubekommen. Sie nahm ihn mit nach Hause. Da sie behauptete er sehe ihrem Vetter Willi auffallend ähnlich bekam er den Namen „Willi“. Schon bald war er der Liebling aller Kneipengäste und oft stolzierte er abends durch die Wirtschaft und holte sich seine Streicheleinheiten ab. Tagsüber lag er meistens auf der Fensterbank eines Kneipenfensters oder auf der Motorhaube eines Autos. 

 

Eines Tages wurde die Tür der Kneipe aufgerissen und unser Nachbar rief aufgeregt: „Do well ehne dä Willi mötnemme!“ Zu dieser Zeit gab es gerade in den Medien Berichte über „Katzenfänger“, die die gefangenen Tiere an Versuchslabore verkauften. Da. Willi zum einen gern herumstromerte und zum anderen auch noch sehr zutraulich war, war er natürlich extrem gefährdet. Im Bruchteil einer Sekunde war die Kneipe wie leergefegt. Allen voran Vornhagens Hein, unser Ortsvorsteher, stürmten die Gäste auf die Straße. In einem Mercedes mit Kölner Kennzeichen, der  von einem  Mann gelenkt wurde, saß Willi im Fond und maunzte jämmerlich, als er die aufgeregte Menge sah. Lothar, der gerade mit seinem Fahrrad die Kneipe ansteuerte stellte sich sofort quer vor das Auto. Hinter dem Auto wurde eine Menschenkette gebildet, so dass kein Entkommen mehr möglich war. Der Mann hatte wohl nicht damit gerechnet, dass der Kater so viele Beschützer hatte. Von allen Seiten wurde er beschimpft: „Jeff direk die Katz erruss, du Drecksack!“ Als er sah, dass er keine Chance hatte die Katze mitzunehmen,  öffnete er die Tür einen Spalt und Willi  rettet sich mit einem beherzten Sprung auf die Odinstrasse. 

 

In den nächsten Stunden gab es in der Kneipe kein anderes Gesprächsthema und je öfter die Geschichte erzählt wurde, umso gefährlicher wurde die Rettung von Willi dargestellt. Und manch einer der Gäste wurde in seiner Darstellung des Geschehens zum Held des Tages.